{"id":930,"date":"2022-05-10T21:58:49","date_gmt":"2022-05-10T21:58:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.holger-montag.de\/?p=930"},"modified":"2022-05-10T22:30:37","modified_gmt":"2022-05-10T22:30:37","slug":"von-couchhelden-und-sofapazifisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/holger-montag.de\/?p=930","title":{"rendered":"Von Couchhelden und Sofapazifisten"},"content":{"rendered":"<p>In einem Zeitalter, in dem der Gro\u00dfteil der Menschheit via WhatsApp kommuniziert, sorgt ein Brief f\u00fcr nostalgische Gef\u00fchle. Dass ein offener Brief auch Unbehagen hervorzurufen vermag, liegt an diesen besonderen Zeiten, den Absendern, den Lesern und einer weltpolitischen Situation, in der es kein Richtig oder Falsch mehr zu geben scheint.<\/p>\n<p>Die Publizistin Alice Schwarzer, der Schriftsteller Martin Walser, der Journalist Ranga Yogeshwar, der Musiker Reinhard Mey und andere Kulturschaffende haben sich also in einem offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz gewandt mit dem Appell, keine weiteren schweren Waffen an die Ukraine zu liefern.<\/p>\n<h2>The German Angst<\/h2>\n<p>Als Grund benennen die Unterzeichner ihre Angst vor der Ausweitung des Krieges auf Deutschland, dem dadurch entstehenden B\u00fcndnisfall der NATO-Mitgliedsstaaten &#8211; und infolgedessen einem Dritten Weltkrieg. Schlie\u00dflich, so die Argumentation, begebe sich Deutschland mit der Lieferung schwerer Waffen auf d\u00fcnnes Eis und riskiere, von Russland als Kriegspartei angesehen und attackiert zu werden.<\/p>\n<p>Ein Szenario, das angesichts eines unberechenbar gewordenen russischen Staatspr\u00e4sidenten gar nicht mal unwahrscheinlich ist. Die Menschen in Polen und anderen Anrainerstaaten der Ukraine m\u00fcssen bereits f\u00fcrchten, in den jenseits der Grenze tobenden Krieg integriert zu werden. Auch viele Deutsche haben Angst.<\/p>\n<h2>Die Deutschen und der Kriegskitsch<\/h2>\n<p>Und doch gef\u00e4llt sich ein gro\u00dfer Teil unserer Mitb\u00fcrger in der Rolle des Couchheldens. Verfolgt Abend f\u00fcr Abend die Nachrichten, emp\u00f6rt sich, gibt Putin vorm Fernseher eins auf die Nase, fordert den sofortigen Abbruch s\u00e4mtlicher wirtschaftlicher Beziehungen zu Russland. Gas? Brauchen wir im Moment nicht, wir kochen mit Induktion. Und bei sommerlichen Temperaturen ben\u00f6tigen wir auch kein Gas f\u00fcr die Heizung.<\/p>\n<p>Auch die Stra\u00dfenk\u00e4mpfe der ukrainischen Soldaten gegen die russische Armee werden zum heldenhaften Widerstand romantisiert. Man tr\u00e4gt blaugelbe T-Shirts, malt sich das Peace-Zeichen ins Gesicht &#8211; und bejubelt den Krieg und das Sterben in einem fernen Land. Ist ja f\u00fcr eine gute Sache.<\/p>\n<p>Dass die meisten der Ukrainer gezwungenerma\u00dfen k\u00e4mpfen und viele von ihnen lieber mit ihren Frauen und Kindern gefl\u00fcchtet w\u00e4ren: Eine Lappalie. Schwamm dr\u00fcber. Ihre Lieben kommen sicher bei netten Gastfamilien unter und finden irgendwann einen neuen Mann bzw. Vater. Der Patriotismus und die Verteidigung der Freiheit gehen vor.<\/p>\n<h2>Couchhelden 2.0<\/h2>\n<p>Moment mal.. woran erinnert das? Ach ja.. Corona. Da schauten viele Deutsche Abend f\u00fcr Abend Nachrichten und empfanden sich als Helden, weil sie ihre Kontakte mieden, die Couch nicht verlie\u00dfen und somit ihre Mitmenschen vor einer eventuellen Infektion sch\u00fctzten.<\/p>\n<p>Dieselben Couchhelden gefallen sich nun in ihrer neuen Rolle als Groupies der ukrainischen Armee. Fanschal an, Vuvuzela raus, anfeuern. Und morgen den alten Schlafsack spenden. Das ist dann ein bisschen so, als sei man selbst mittendrin.<\/p>\n<h2>Buuuh!<\/h2>\n<p>Und die Verfasser dieses offenen Briefes? Die werden geschm\u00e4ht. Als Sofapazifisten, die sich erdreisten, den Ukrainern Ratschl\u00e4ge \u00fcber das richtige Verhalten im Kriegsfall zu erteilen. Weil sie, auch das sei erw\u00e4hnt, der Meinung sind, dass der ukrainische Pr\u00e4sident Wolodymyr Selenskyj mit dem anhaltenden Widerstand und der Forderung nach schweren Waffen das Leid seines Volkes verl\u00e4ngere.<\/p>\n<p>Man kann das feige finden oder besorgt. In dieser Situation ist es unm\u00f6glich vorherzusagen, welche Tat oder Unterlassung zum Frieden oder zu einer Ausweitung dieses Krieges f\u00fchren mag. Und dennoch gibt es gl\u00fchende Verfechter dieser oder jener extremen Einstellung.<\/p>\n<h2>Die Welt braucht eindeutig mehr offene Briefe<\/h2>\n<p>Inzwischen existiert ein weiterer offener Brief. Auch er unterschrieben von\u00a0 Politikern, Publizisten, Kabarettisten. In ihm wird Kanzler Scholz ausdr\u00fccklich zur Lieferung schwerer Waffen aufgefordert, um dem Putin-Regime Einhalt zu gebieten. Auch er verstr\u00f6mt Besorgnis, wenn auch die darin angedachte L\u00f6sung des Konflikts in eine ganz andere Richtung weist.<\/p>\n<p>Olaf Scholz kann einem leid tun. Egal, was er unternimmt oder unterl\u00e4sst: Es wird f\u00fcr einen Teil der intellektuellen Elite das Falsche sein. Und erst im R\u00fcckblick wird sich zeigen, wohin uns seine Entscheidung gebracht und welche Seite Recht behalten hat.<\/p>\n<p>Eins jedenfalls ist klar: Auf Schriftsteller und Publizisten sollte der Kanzler bei seiner Entscheidungsfindung nicht h\u00f6ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Zeitalter, in dem der Gro\u00dfteil der Menschheit via WhatsApp kommuniziert, sorgt ein Brief f\u00fcr nostalgische Gef\u00fchle. Dass ein offener Brief auch Unbehagen hervorzurufen vermag, liegt an diesen besonderen Zeiten, den Absendern, den Lesern und einer weltpolitischen Situation, in der es kein Richtig oder Falsch mehr zu geben scheint. 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