{"id":868,"date":"2022-02-26T12:25:47","date_gmt":"2022-02-26T12:25:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.holger-montag.de\/?p=868"},"modified":"2022-03-09T15:13:57","modified_gmt":"2022-03-09T15:13:57","slug":"fuehlen-wie-ein-schweizer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/holger-montag.de\/?p=868","title":{"rendered":"Das Schweizer Modell"},"content":{"rendered":"<p>Es ist Krieg. In Europa. Nicht im Nahen oder Fernen Osten. Kein B\u00fcrgerkrieg in Afrika. Kein Konflikt mit separatistischen Bewegungen. Ein echter Angriffskrieg. Bei unseren Nachbarn.<\/p>\n<h2>Gibt es Neutralit\u00e4t in einem kontinentalen Krieg?<\/h2>\n<p>Vor einiger Zeit habe ich mich mit der Rolle der Schweiz w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs besch\u00e4ftigt. Und mich gefragt, wie sich der gemeine Schweizer wohl gef\u00fchlt haben mag in seinem Kokon der &#8222;Neutralit\u00e4t&#8220;, w\u00e4hrend ringsum ganze L\u00e4nder okkupiert wurden und Millionen von Menschen ihre Existenz und ihr Leben verloren.<\/p>\n<p>Sicherlich h\u00e4tte die Schweiz bei einer milit\u00e4rischen Auseinandersetzung nicht einmal einen nennenswerten Stolperstein f\u00fcr das deutsche Heer dargestellt. Auch ist es niemandem zu verdenken, wenn er im Krieg zun\u00e4chst ans eigene \u00dcberleben denkt. Und doch muss es sich besch\u00e4mend anf\u00fchlen, &#8211; auch heute noch -, nicht einmal einen Versuch unternommen zu haben, den europ\u00e4ischen Nachbarn zu Hilfe geeilt zu sein.<\/p>\n<h2>Das Gesch\u00e4ft mit dem Krieg<\/h2>\n<p>Die Schweiz steht heute auch deshalb wirtschaftlich so gut da, weil sie sich eben nicht blo\u00df rausgehalten hatte aus jenem Krieg, der als der grausamste in die Geschichtsb\u00fccher eingegangen ist. Man hatte mit dem Dritten Reich kooperiert, viel Geld und geraubte Kunstsch\u00e4tze eingelagert. Niemand wei\u00df genau, welche Reicht\u00fcmer einst angeh\u00e4uft und nach dem Krieg ausbezahlt wurden &#8211; und welche noch immer verwahrt werden.<\/p>\n<p>Nein, neutral war die Schweiz nie. Sie hat sich sogar am Krieg gesundgesto\u00dfen und vom Elend und dem Tod anderer V\u00f6lker profitiert. Nat\u00fcrlich nicht jeder Schweizer pers\u00f6nlich. Eine echte Aufarbeitung der Schande fand allerdings auch nie statt. Welcher Millionenerbe hinterfragt schon, woher der hinterlassene Reichtum stammt? Besser Augen zu und durch. Oder, besser noch: Augen in die Zukunft richten.<\/p>\n<h2>Nachkriegszeit<\/h2>\n<p>Dort n\u00e4mlich wurde die Schweiz zu einer Oase derjenigen Menschen, die Gelder vor dem heimischen Fiskus oder der legalen Welt zu verstecken suchten. Und so taten die Schweizer Banken, was sie offenbar besonders gut k\u00f6nnen: Illegal erworbene Reicht\u00fcmer anonym verwalten. Keine Spur von Reue, keine Spur von Einsicht.<\/p>\n<p>Derzeit steht Europa und mit ihm Deutschland als einer der f\u00fchrenden Staaten im Kreuzfeuer der Kritik. Vielen Menschen geht das Verurteilen des Krieges zwischen Russland und der Ukraine nicht weit genug. Verst\u00e4ndlich, denn unser Bauchgef\u00fchl sagt uns, dass einem Despoten hier Einhalt geboten werden m\u00fcsste.<\/p>\n<h2>Taktik ist gefragt<\/h2>\n<p>Wir m\u00f6chten uns nicht wie Schweizer f\u00fchlen. Unseren Wohlstand genie\u00dfen und einfach wegschauen. Dieser Impuls ist ebenso richtig wie das Taktieren der Bundesregierung. Das hat auch nichts mit der St\u00e4rke oder Schw\u00e4che von Kanzler Olaf Scholz zu tun. Auch eine Kanzlerin Merkel w\u00fcrde vermutlich keine scharfen Sanktionen vorschlagen und m\u00fcsste ohnm\u00e4chtig zusehen, wie die Ukraine von russischen Truppen eingenommen wird.<\/p>\n<p>So bitter es klingt: Ohne eine gemeinsame Strategie im Zusammenschluss mit anderen Staaten ist eine Sanktionierung aus vielen Gr\u00fcnden nicht m\u00f6glich. Das Abschneiden Russlands vom SWIFT-Zahlungsverkehr beispielsweise w\u00fcrde nicht nur den russischen Machtapparat, sondern auch viele Menschen und Organisationen treffen, die keine Zuwendungen aus dem Ausland mehr erhalten k\u00f6nnten.<\/p>\n<h2>Guter Rat ist teuer. Frieden auch.<\/h2>\n<p>Es r\u00e4cht sich, dass Deutschland sich bei der Energieversorgung von Russland teilweise abh\u00e4ngig gemacht und das Vorantreiben alternativer Energien vernachl\u00e4ssigt hat. Ohne eigene, nat\u00fcrliche Ressourcen ist eine Abh\u00e4ngigkeit nicht zu vermeiden, egal, ob zu Russland, Norwegen oder China. Au\u00dfenpolitik ist also auch immer mit wirtschaftlichen Interessen verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Die noch junge deutsche Ampelkoalition sieht sich vielen Problemen ausgesetzt. Und noch ist nicht abzusehen, wo deren L\u00f6sung liegen k\u00f6nnte. Eines aber ist klar: Einfach wird sie nicht sein. Es wird keinen Gegenangriff und keine Absetzung der Regierung Putin geben. Sondern Verhandlungen, Zugest\u00e4ndnisse, faule Kompromisse.<\/p>\n<p>Das ist unsch\u00f6n und wird sich wie eine Niederlage anf\u00fchlen. Vielleicht werden wir unseren ukrainischen Nachbarn nie wieder in die Augen sehen k\u00f6nnen, weil wir uns mitschuldig f\u00fchlen an ihrem erlebten Leid. Vielleicht aber werden wir wie einst die Schweiz dieses bl\u00f6de Gef\u00fchl absch\u00fctteln &#8211; und im Zuge der anstehenden Corona-Lockerungen wieder zum Feiern nach Ibiza fliegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Krieg. In Europa. Nicht im Nahen oder Fernen Osten. 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