{"id":1245,"date":"2023-06-21T14:10:31","date_gmt":"2023-06-21T14:10:31","guid":{"rendered":"https:\/\/holger-montag.de\/?p=1245"},"modified":"2023-06-21T14:10:31","modified_gmt":"2023-06-21T14:10:31","slug":"die-tagesalarmsicherheit-bei-der-feuerwehr-ein-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/holger-montag.de\/?p=1245","title":{"rendered":"Die Tagesalarmsicherheit bei der Feuerwehr: Ein Problem"},"content":{"rendered":"<p>Helden von nebenan<\/p>\n<p>Wenn Kinder in Grundschulen und Kinderg\u00e4rten nach ihrem Berufswunsch befragt werden, rufen noch immer einige: \u201eNa, Feuerwehrmann!\u201c (Mehr zu den Geschlechterrollen sp\u00e4ter im Artikel.) Schlie\u00dflich verlangen dessen T\u00e4tigkeiten neben dem Einsatzwillen f\u00fcrs Gemeinwohl und einer gewissen Umsicht auch ein geh\u00f6riges Ma\u00df an Unerschrockenheit. Heldeneigenschaften.<\/p>\n<p>Vorstellung vs. Realit\u00e4t<\/p>\n<p>In der Realit\u00e4t wird dieses \u201eHeldentum\u201c allerdings oftmals von Vorschriften bestimmt. Von Gefahren, deren Ausma\u00df Au\u00dfenstehende kaum erfassen. Von b\u00fcrokratischem Gerangel mit Versicherungen, die bestimmte Eins\u00e4tze im Nachhinein f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig befinden. Von schrecklichen Bildern an Unfallstellen oder Brandorten, die man im Kopf mit nach Hause nimmt.<\/p>\n<p>Helfen f\u00fcr lau<\/p>\n<p>Und das alles oft ohne Bezahlung. Wie sich das f\u00fcr Helden geziemt. Denn die meisten Feuerwehrleute \u00fcben ihren \u201eBeruf\u201c ehrenamtlich aus. Und m\u00fcssen \u00fcberdies oft damit leben, von der Berufsfeuerwehr als \u201eminderwertige Hilfskr\u00e4fte\u201c angesehen zu werden. Das ist nicht nur beleidigend, sondern auch gef\u00e4hrlich. Denn ohne Freiwillige w\u00e4ren vielerorts die Berufsfeuerwehren gar nicht mehr handlungsf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Ehrenamt Feuerwehr<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind reine Berufsfeuerwehren nur in St\u00e4dten mit mehr als 100.000 Einwohnern \u00fcblich. Zwar sind auch in kleineren St\u00e4dten und Gemeinden hauptberufliche Feuerwehrleute besch\u00e4ftigt. Sie werden dort allerdings oftmals f\u00fcr Hintergrundarbeiten eingesetzt, bereiten Lehrg\u00e4nge vor oder pr\u00fcfen die technischen Ger\u00e4tschaften. Zwei Drittel aller Eins\u00e4tze werden jedoch bundesweit von Freiwilligen durchgef\u00fchrt. Statistiken des Deutschen Feuerwehrverbandes zufolge standen im Jahr 2018 bundesweit einer Million ehrenamtlicher lediglich 33.000 Berufsfeuerwehrleute zur Seite.<\/p>\n<p>Zeiten \u00e4ndern sich<\/p>\n<p>Dieses Prinzip funktioniert seit Jahrhunderten \u2013 und das erstaunlich gut. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die erwachsenen M\u00e4nner eines Ortes zum Feuerl\u00f6schdienst verpflichtet. Aus dieser Pflichtfeuerwehr formierten sich sp\u00e4ter Freiwillige Feuerwehren. Neben dem Engagement f\u00fcr die Gemeinschaft mag manchen Freiwilligen auch die Sorge bewegt haben, das eigene Haus k\u00f6nne eines Tages in Flammen aufgehen.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher fiel L\u00f6schdienst unter Nachbarschaftshilfe<\/p>\n<p>Doch die Zeiten \u00e4ndern sich und mit ihnen die Gesellschaft. Traten Freiwillige fr\u00fcher haupts\u00e4chlich der Kameradschaft wegen in die Feuerwehr ein, bieten sich heute zum Kn\u00fcpfen sozialer Kontakte auch viele alternative und weniger verpflichtende Freizeitm\u00f6glichkeiten an. Ist ein solches Ehrenamt dar\u00fcber hinaus mit gesundheitlichen Gefahren und psychischen Belastungen verbunden, schwindet die Bereitschaft, sich f\u00fcr die Gesellschaft zu engagieren.<\/p>\n<p>Kollision von Ehrenamt und Lebensplan<\/p>\n<p>Die Freiwillige Feuerwehr passt in der modernen Gesellschaft oft nicht mehr in den eigenen Lebensplan. Junge Menschen ziehen nach der Schulzeit h\u00e4ufig vom Land in die Stadt und bilden sich auch nach Feierabend weiter. Die langfristige Bindung an eine ehrenamtliche Aufgabe und eine Organisation st\u00f6\u00dft sowohl bei der Karriere- als auch der Familienplanung auf Widerstand, bisweilen auch auf Unverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Der Aktionsradius w\u00e4chst<\/p>\n<p>Abseits dieser H\u00fcrden besteht jedoch noch ein weitaus gr\u00f6\u00dferes Problem. St\u00fctzte sich das ortsgebundene, vorindustrielle System der Freiwilligen Feuerwehren noch auf einzelne D\u00f6rfer, sind weite Teile Deutschlands inzwischen urban strukturiert. Aus den einstmaligen D\u00f6rfern wurden Vorst\u00e4dte, Kommunen oder Landkreise mit Industriegebieten und Wohnvierteln im Gr\u00fcnen.<\/p>\n<p>Zeit- und anderer Druck<\/p>\n<p>Freiwillige Feuerwehrleute arbeiten heute im Hauptberuf nicht mehr als Hufschmied vor Ort, sondern viele Kilometer entfernt in Gro\u00dfunternehmen, im Handel oder der Industrie. Meist ben\u00f6tigen sie viel Zeit, um ihre heimischen Feuerwachen im Fall eines Notrufs zu erreichen. Mehr Zeit jedenfalls als die zehn Minuten, innerhalb derer das erste L\u00f6schfahrzeug am Einsatzort sein sollte.<\/p>\n<p>Ehrenamt und Job vertragen sich nicht immer<\/p>\n<p>Und auch das funktioniert nur, wenn die Arbeitgeber ihre Mitarbeiter f\u00fcr Eins\u00e4tze und Ausbildungen von der Arbeit freistellen. Gesetzlich sind sie hierzu zwar verpflichtet und erhalten von der Gemeinde eine Entsch\u00e4digung in Form eines Kostenersatzes. Dennoch \u00fcben viele Arbeitgeber Druck auf diejenigen Mitarbeiter aus, die sich auch w\u00e4hrend ihrer Arbeitszeit ehrenamtlich f\u00fcr die Gemeinschaft engagieren, weil ihnen dies ein Bed\u00fcrfnis ist.<\/p>\n<p>Die aktive Mitgliedschaft bei der Freiwilligen Feuerwehr ist daher nicht selten mit Angst vor Repressalien bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes verbunden.<\/p>\n<p>Kooperationen bieten Vor- und Nachteile<\/p>\n<p>In vielen \u00f6rtlichen Feuerwachen kann die Tagesalarmsicherheit kaum noch gew\u00e4hrleistet werden, weil die f\u00fcr einen Einsatz erforderliche, personelle Mindestbesetzung nicht mehr in der vorgeschriebenen Zeit vor Ort sein kann.<\/p>\n<p>Ungeliebte Fusionen<\/p>\n<p>Kooperationen benachbarter Feuerwehren und Ausr\u00fcckegemeinschaften sorgen nur teilweise f\u00fcr Abhilfe. Vielerorts m\u00fcssen Wachen geschlossen werden, sind Umstrukturierungen und Fusionen unumg\u00e4nglich. Sie b\u00fcndeln nicht nur vorhandene Kr\u00e4fte, sondern vereinfachen auch die verwaltungstechnischen Prozesse durch Zentralisierung.<\/p>\n<p>Durch zu gro\u00dfe Entfernungen ist die Tagesalarmsicherheit gef\u00e4hrdet<\/p>\n<p>Reduziert man die Anzahl der Ortsfeuerwehren, verl\u00e4ngert man jedoch abermals die Anfahrtswege und gef\u00e4hrdet obendrein den Nachwuchs. Zwar erfreuen sich die Jugendfeuerwehren noch immer eines gewissen Zuspruchs. Die Eltern der jungen Feuerwehrleute legen jedoch schon mal ihr Veto ein, wenn der Anfahrtsweg zum Verteiler mit dem Fahrrad zu riskant erscheint oder der Standort 20 km entfernt liegt und die ganze Familie zu Fahrdiensten herangezogen wird.<\/p>\n<p>Im Alter durchs Feuer gehen?<\/p>\n<p>Um dem Mitgliederschwund etwas entgegenzusetzen, wurde die Altersgrenze f\u00fcr ehrenamtliche Feuerwehrangeh\u00f6rige in einzelnen Bundesl\u00e4ndern von 63 Jahren bis zur Vollendung des 67. Lebensjahres angehoben. Auch versucht man Einwohner, die beispielsweise nach ihrem Studium oder ihrer Ausbildung zur\u00fcck in ihre Heimatorte zogen und \u00fcber eine feuerwehrspezifische Ausbildung verf\u00fcgen, dazu zu \u00fcberreden, wieder in die Wehr einzutreten.<\/p>\n<p>Aufbruch in die Moderne<\/p>\n<p>L\u00e4ngst ist den Planungsverantwortlichen klar, dass das \u00f6rtliche Feuerwehrfest oder der Tag der Offenen T\u00fcr nicht mehr ausreichen, um neue Kameraden zu gewinnen. Oder eben Kameradinnen, denn der Frauenanteil bei der Freiwilligen Feuerwehr liegt allen m\u00e4nnlichen Vorbehalten zum Trotz mittlerweile bei rund 10 % &#8211; Tendenz steigend. Eine erfreuliche Entwicklung auch deshalb, weil Feuerwehr lange Zeit ausschlie\u00dflich mit M\u00e4nnern assoziiert wurde.<\/p>\n<p>Erfreulich: Immer mehr Kameradinnen engagieren sich in der Feuerwehr<\/p>\n<p>Zwar werden die Kameradinnen mancherorts noch immer \u00f6fter im Servicebereich oder der Jugendarbeit als in vorderster Linie in den so genannten Angriffstrupps eingesetzt. Aber ihre Akzeptanz unter den m\u00e4nnlichen Kollegen w\u00e4chst und auch F\u00fchrungspositionen werden inzwischen oft von Frauen bekleidet.<\/p>\n<p>Die Vorbildfunktion wirkt: Viele Jugendfeuerwehren verzeichnen bereits einen M\u00e4dchenanteil von 20 %. Frischer Wind f\u00fcr die Zukunft der Feuerwehren \u2013 auch wenn viele Aktive diesem Wandel noch skeptisch gegen\u00fcberstehen. Doch auch sie sehen ein, dass sich mit alleiniger Unterst\u00fctzung durch Senioren weder die Tages- noch die Nachtalarmsicherheit dauerhaft gew\u00e4hrleisten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Wenn aus Fremden Retter werden<\/p>\n<p>J\u00fcngste Zielgruppe der Mitgliederwerbung sind Migranten. Mit einem Anteil von 1 % noch stark unterrepr\u00e4sentiert und lange Zeit ignoriert, entwickeln sie sich innerhalb unserer Gesellschaft zum Hoffnungstr\u00e4ger. In vielen Bereichen der Grundversorgung sind Menschen mit Einwanderungsgeschichte bereits unentbehrlich geworden. Vielleicht auch bald in der Feuerwehr?<\/p>\n<p>Wem geholfen wurde, der hilft auch gerne mal<\/p>\n<p>Viele Migranten sind gut ausgebildet und verf\u00fcgen \u2013 leider auch aufgrund nicht anerkannter Berufsabschl\u00fcsse, ohne die die Aufnahme einer Werkt\u00e4tigkeit erschwert wird \u2013 \u00fcber zeitliche Ressourcen, an Eins\u00e4tzen teilzunehmen. Oftmals wurde ihnen auf ihrem Weg nach und in Deutschland Hilfe zuteil, die sie gerne erwidern w\u00fcrden. Zum Beispiel durch ehrenamtliches Engagement bei der Feuerwehr.<\/p>\n<p>Back to the roots<\/p>\n<p>Dies untergr\u00e4bt \u00fcbrigens keineswegs Traditionen. Ein gro\u00dfes Plus der Feuerwehren lag ja stets in deren Vielschichtigkeit. Ob Anwalt oder Automechaniker, Imker oder Ingenieur: Bei der Feuerwehr waren immer viele Gesellschaftsschichten und Berufe vertreten. Gerade in Notsituationen verschwimmen eben Klassenunterschiede zugunsten eines gemeinsamen Ziels. Und den zu rettenden Personen ist letztlich egal, wer sie aus dem Wrack ihres Fahrzeugs befreit oder die eigene Familie vor dem Feuer oder der Flut rettet.<\/p>\n<p>Anreize: Nett sein hilft bei Mitgliedergewinnung und -erhalt<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist die Aufstellung einer Feuerwehr eine Pflichtaufgabe der Gemeinden. Daher werden die Stimmen derer lauter, die Anreize aus der Politik zur Gewinnung neuer Mitglieder fordern. So k\u00f6nnte die ehrenamtliche T\u00e4tigkeit bei der Feuerwehr &#8211; \u00e4hnlich wie Erziehungszeit bei Eltern &#8211; bei der Rentenberechnung ber\u00fccksichtigt oder eine kleine Zusatzrente aus \u00f6ffentlichen Quellen finanziert werden.<\/p>\n<p>Auch kleine Gesten z\u00e4hlen<\/p>\n<p>Bereits Zeichen des guten Willens k\u00f6nnten Respekt und Interesse gegen\u00fcber der wichtigen, gef\u00e4hrlichen und oft ehrenamtlichen Arbeit der Feuerwehr bekunden. So k\u00f6nnten die Gemeinden ihren Feuerwehrleuten freien Eintritt ins \u00f6rtliche Schwimmbad gew\u00e4hren: Sympathisch, billiger als ein Pr\u00e4sentkorb und \u00fcberdies ein Beitrag zur Erhaltung der Fitness und Einsatzf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>In aller Bescheidenheit<\/p>\n<p>Auch der Vorschlag einer kostenlosen Nutzung des \u00d6ffentlichen Nahverkehrs durch Mitglieder der Feuerwehr w\u00e4re eine nette und in den Augen der Ideengeber praktische Geste: So sei sichergestellt, dass die Kameraden zur Wache oder zum \u00dcbungsdienst gelangen. Ob Letzteres praktikabel ist, sei dahingestellt. Es spricht jedoch B\u00e4nde, wenn solche Argumente als Verst\u00e4rker des Wunsches nach Anerkennung f\u00fcr gemeinn\u00fctzige Arbeit verwendet werden.<\/p>\n<p>Freier Eintritt ins Freibad f\u00fcr Feuerwehrleute? Warum eigentlich nicht?<\/p>\n<p>F\u00fcr L\u00f6sungsans\u00e4tze und den Dialog mit den Feuerwehren sollte die Politik &#8211; in diesem Fall die jeweilige Gemeinde &#8211; jedenfalls offener sein als in der Vergangenheit. Da wurden bedarfsplanerische Analysen in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse den Betroffenen nie mitgeteilt wurden. Oder Standorte zusammengelegt, ohne sie im Vorfeld miteinzubeziehen. Selbst altgediente Feuerwehrleute und F\u00fchrungskr\u00e4fte f\u00fchlen sich da schon mal \u00fcbergangen und respektlos behandelt &#8211; und quittieren frustriert den Dienst. Guter Wille hat eben auch Grenzen.<\/p>\n<p>Br\u00e4nde, Hochwasser und andere Katastrophen: Die t\u00e4glichen Belastungen der Feuerwehr<\/p>\n<p>Der Dienst fordert Feuerwehrleuten ohnehin einiges ab: Verf\u00fcgbarkeit quasi rund um die Uhr und \u00fcbers ganze Jahr neben Job und Familie. K\u00f6rperliche und seelische Belastungen. Verantwortung f\u00fcr Opfer und Kameraden. Ein ganzer Gefahrenkatalog aus Br\u00e4nden, Gefahrstoffen, einst\u00fcrzenden Geb\u00e4uden, Sturm, Hochwasser und vielem mehr. Dazu Stress, Beschimpfungen und auch schon mal Gewalt.<\/p>\n<p>Wir alle brauchen die Feuerwehren. Wenn die Gemeinden mit deren Aufstellung \u00fcberfordert sind, m\u00fcssen irgendwann Kreis- und Landesverwaltung als n\u00e4chste Instanz entscheiden, wie es weitergeht. Die Zukunft k\u00f6nnte dann vielerorts in reinen Pflichtfeuerwehren bestehen. Ob diese die Organisation vereinfachen, bleibt offen. G\u00fcnstiger als die ehrenamtliche L\u00f6sung sind sie jedenfalls nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helden von nebenan Wenn Kinder in Grundschulen und Kinderg\u00e4rten nach ihrem Berufswunsch befragt werden, rufen noch immer einige: \u201eNa, Feuerwehrmann!\u201c (Mehr zu den Geschlechterrollen sp\u00e4ter im Artikel.) 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